Presseinformation

27. Mai bis 9. Juni 2000

Sonderausstellung in der

Völkerkundlichen Sammlung der Philipps-Universität Marburg

Kugelgasse 10, 35032 Marburg/Lahn

Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 10- 12 Uhr, mittwochs auch 14- 16 Uhr, jeden

ersten Sonntag im Monat 10- 12 Uhr. Führungen unter 1. 06421-2823749

 

 

Kikonguismus

Augusto Kutxi-Bungo alias Gunes-M

Augusto Kutxi-Bungo , Künstlername: Gunes-M (Gunes ist eine Kurzform für seinen Vornamen, M - von Mambu - steht für Kreativität), wurde am 26. September 1978 in der Provinz Soyo im Norden Angolas geboren. Seine handwerkliche Ausbildung erhielt er während seiner Schulzeit im Werbeatelier des Malers Kalala Kalambai in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo), wo er u.a. als Schriftzeichner und Siebdrucker arbeitete. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Wandmalereien. Danach gründete er in der angolanischen Hauptstadt Luanda ein Atelier für plastische Kunst. Als aktives Mitglied der UNAP (,,Uniäo national dos artistas plastico", Angola) nahm er an mehreren von dieser Künstlervereinigung organisierten, nationalen und internationalen Ausstellungen teil. Bei der UNAP absolvierte er auch einen Zeichenkurs. Für die Verhältnisse des Landes hatte er ein mittleres bis gutes Einkommen. Bis 1994 blieb er ein Maler mit überwiegend lokalem Publikum und lokaler Wirkung, arbeitete aber auch für portugiesische und belgische Touristen. Kurz nach einer Ausstellung in der Vila du Gamek in Luanda (1994), bei der er in Bild und Text die sozialen und politischen Missstände in seinem Heimatland anprangerte, traf eine Granate sein Elternhaus; sein Vater wurde getötet. Augusto Kutxi-Bungo, der bei dem Anschlag verletzt wurde, floh 1 6jährig mit einigen seiner Gemälde im Gepäck aus Angola und kam über mehrere Stationen im Juni 1995 nach Deutschland.

Augusto Kutxi-Bungo nutzt seitdem jede freie Minute und die engsten Wohnverhältnisse, um sein künstlerisches Talent zu fordern und zu fördern und kann mittlerweile auf zahlreiche Ausstellungen in der Bundesrepublik zurückblicken.

Augusto Kutxi-Bungos in der Migration entstandene Werke, teils abstrakter, teils realistischer und surrealistischer Art, gestatten nicht nur Einblicke in das Wahrnehmungsfeld eines Menschen, für den blutige Auseinandersetzungen und Bürgerkriege erlebte Realität sind, sondern setzen sich auch formal und inhaltlich mit der kulturhistorischen Tradition seines Volkes, den Bakongo auseinander. So zählen auch mythologische und (christlich-) religiöse Motive sowie Szenen des ländlichen traditionellen Lebens und Porträts zu seinen bevorzugten Sujets.

Die Beziehung zur Kultur der Bakongo äußert sich nicht nur in der Visualisierung einer idealtypischen, verklärten Dorfidylle; auch die Hochschätzung der Frau, die in vielen afrikanischen Gesellschaften einen hohen emotionalen und mythisch-symbolischen Wert besitzt, findet man in den Bildern von Kutxi-Bungo wieder. In dem Gemälde ,,Gott erschuf die Frau" verehrt er sie als erste Schöpfung Gottes, als Bewahrerin der Menschheit und Hüterin der Tradition.

Einen weiteren Aspekt seiner Arbeiten bilden die um das Thema der Sünde und Vergebung kreisenden biblischen Bezüge: ,,Die Transparenz von Gott - Die Erde und der Teufel" und ,,Bereit zur Sünde" verweisen in ihrer formalen Symbolik und ihrem Inhalt auf das Streben nach einem festen Weltbild und Wertekanon. Wenngleich sich die Ikonographie dieser

Gemälde auf die Bibel bezieht, wird die Vorlage von dem Katholiken Kutxi-Bungo modifiziert: Eva und Jesus sind schwarz. Die gleichzeitige Aufnahme von Elementen aus der Religion des Voudou verweist auf die (religiöse) Toleranz der afrikanischen Gesellschaften, ja vielleicht auf ein Nebeneinander des Disparaten, wo nicht selten ein und dieselbe Person Mitglied mehrerer Religionsgemeinschaften zugleich sein kann.

Auffällig ist, daß Kutxi-Bungo in seinen Bildern scheinbar selten Motive und Themen seines bundesdeutschen Alltags aufgreift - und doch reflektieren diese bei genauerer Betrachtung doch deutlich seine neue gesellschaftliche Realität.

Seine Kunst ist eine Kunst der positiven Erinnerung, sie ist sowohl Ausdruck kultureller Bindung als auch Befreiung, sie ist Mittel zur Aufklärung und Information, sie ist aber ebenso Ausdruck physischer und psychischer Not, und sie ist vor allem eine Überlebenskunst. Mit dem Begriff Retrovision, dem Blick zurück für die Zukunft, ist die Intention seiner in der Migration entstandenen Gemälde am prägnantesten charakterisiert. Retrovision meint die Interaktion zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, denn mit der Erinnerung an Vergangenes möchte sich Augusto Kutxi-Bungo über das Mittel der Malerei auch eine eigene Gegenwart und Zukunft erschaffen. Besonders deutlich wird dies bei den auf den Bürgerkrieg in Angola bezug nehmenden Bildern. Diese dienen ihm nicht allein zur Verarbeitung des Erlebten, auch kämpft er mit dem Mittel der Malerei nicht allein für den Frieden in Angola, sondern gleichzeitig um seine Anerkennung als politischer Flüchtling in Deutschland - denn außer seiner Kunst besitzt er keine weiteren Beweise, die er vorbringen kann.

Neben der eigenen Tradition, Geschichte und gesellschaftlichen Realität reflektieren seine Werke aber auch die Positionen der zeitgenössischen westlichen Kunst. Für seinen Stil prägte Augusto Kutxi-Bungo, der auf einer Ausstellung in Brasilien erstmals von den Werken Picassos hörte, den Begriff Kikonguismus, der eine begriffliche und inhaltliche Verschmelzung von Kikongo (= Sprache der Kongo) und Kubismus darstellt. Kutxi-Bungo hält die Inspiration durch den Kubismus in seiner Malerei lebendig, und er scheint ihn von seinem Ursprung weg und gleichzeitig wieder zurück zum Ursprung zu führen. Kutxi-Bungo verließ sein Heimatland und begab sich in ein westliches ,,Exil", wo er einem anderswo - und einer Kunst gegenübertrat , welche anders und trotzdem sehr nah war, da sie auf der Grundlage seiner Heimat erfunden worden war. So schließt sich der Kreis. Denn der afrikanische Künstler Kutxi-Bungo schafft Werke, die von einem europäischen Künstler beeinflusst wurden, der selbst wiederum von den abstrakten Gestaltungsprinzipien afrikanischer Kunst inspiriert worden war, die ihn am Anfang des 20. Jahrhunderts den Kubismus hervorzaubern ließen.

Augusto Kutxi-Bungos Werke sind eklektizistisch und, bezogen auf seine ethnischen Traditionen, nie ursprünglich, sondern artifiziell. Bei ihnen versagt der Maßstab klassischer Authentizität - die Einteilung der Kunst nach ethnischen Traditionen, nach Herkunftsland oder -kontinent sowie Ausbildung - den wir Europäer so gerne anlegen. Augusto Kutxi-Bungo erzählt mit seinen in der Migration entstandenen Gemälden eine ,,andere Geschichte", die sich sowohl von der europäischen Moderne; wie von den ästhetischen Traditionen der Bakongo unterscheidet. Lokale und globale Erfahrungen vermengen sich und finden zu einer neuen Existenz zusammen, die Widersprüche und Brüche zum Sprechen bringt. Kutxi-Bungos Gemälde speisen sich aus einer Fülle von Einflüssen und bringen mit ihrer geradezu postmodernen Absage an Stileinheitlichkeit eine Synthese aus Friedensengagement, Kikongo, Kubismus, Realismus, Mythos, Migrantenexistenz und kommerziellen Überlegungen hervor, Und sie zeigen darüber hinaus, dass die ganze Sortiererei der Kunst nach Geburtsländern eine fragwürdige Praxis voller Fallen ist.

Viele außereuropäische Künstler sind migriert und exiliert. Auch ,afrikanische' Künstler sind bereits mitten unter uns und viele von ihnen berufen sich nicht mehr allein auf eine ethnische, sondern vor allem eine künstlerische Tradition, die im Dialog mit der westlichen Kunst entstanden ist und mit der sie in ständiger Interaktion steht. Ein Forschungsschwerpunkt der Marburger Völkerkunde ist die Suche nach neuen Kriterien des Verständnisses und der Darstellung ,außereuropäischer Kunst' .In diesem Rahmen möchten wir ,afrikanische' Künstler nicht mehr als auf ein Territorium reduzierte Gattungswesen zeigen und dabei ein- oder ausgrenzen.

Der Künstler Augusto Kutxi-Bungo zeigt, dass seine Gemälde Hinweise auf reale Situationen und Erfahrungen geben. Der Ursprung seiner Themen ist gesellschaftlich vermittelt und vollzieht sich vor dem Hintergrund einer gelebten Geschichte. Er bedient und konfrontiert uns mit unseren zwischen pittoresker Exotik und dem Elend eines von Armut, Krisen und Kriegen geschüttelten Kontinents changierenden Afrika-Klischees. Er erzählt aus der Fremde vom Krieg und den Ungerechtigkeiten in Angola, für die auch die internationale Völkergemeinschaft Verantwortung trägt, im Blick zurück berichtet er aber auch von seiner Migrantenexistenz und wirft damit ebenfalls ein Schlaglicht auf unsere unwirkliche gesellschaftliche Realität.

Kutxi-Bungo sieht seine Kunst als Hoffnungsträger: Sie spricht von Vergangenem, von der Gegenwart und der Zukunft des Möglichen und Unmöglichen, von Kritik und Toleranz. Als postmoderner Künstler bleibt er modern und ,afrikanisch' zugleich. Und man sollte sich hüten, seine symbolträchtigen Bilder so zu nehmen, wie sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen, denn das Spiel mit Vorzeigen und Verstecken, das Doppelbödige und Ambivalente ist ein Grundprinzip ,afrikanischer' Kultur.

Sabine Beer (Museum für Völkerkunde in Hamburg), Tel: 040/ 42848-2514